Studentischer Tagungsbericht (Heidelberg, September 2022)

Studentischer Tagungsbericht (Heidelberg, September 2022)

Verfasst von Lucas Janz (Oxford University), Julian Meergans (Universität zu Köln), Josh Joseph Ramminger (Humboldt University Berlin), Johannes Benedikt Rojan (Universität Marburg) und Malte Schlenker (Universität Heidelberg)

Tagungsbericht Erfahrung und Empirie

Die Tagung „Erfahrung und Empirie“ wurde von der  Arbeitsgemeinschaft Philosophie & Psychologie vom 19.09.2022 bis zum 22.09.2022 im Psychologischen Institut Heidelberg durchgeführt. Sie hatte das Ziel, den Begriff und das Phänomen der Erfahrung inter- und transdisziplinär zu reflektieren. Der Begriff der Erfahrung ist für eine Verhältnisbestimmung und mögliche gegenseitige Befruchtung beider Disziplinen ein Schlüsselbegriff, denn in der Psychologie wird Erfahrung als Empirie interpretiert, wobei unter Empirie die „methodisch geregelte, systematisierte und durch das Experiment geleitete Erfahrungsbildung verstanden wird“ (Tagungsankündigung), andererseits kann Erfahrung in der Psychologie auch als eine unabhängige Variable verstanden werden, die etwa zu verändertem Reaktions- und Antwortverhalten auf Testitems führen kann. In der philosophischen Behandlung der Erfahrung kann etwa nach ihrer Konstitution gefragt werden. Beide Disziplinen treffen sich sowohl in thematischer, wenn etwa gefragt wird, was das Verhältnis von subpersonalen Prozessen und bewussten Erlebnissen ist, als auch in epistemologischer Hinsicht: „Und drittens stellt sich die Frage, auf welche Weise Erfahrung zu Erkenntnis führen kann: Wie ist der Geltungsbereich empirischer Aussagen zu bestimmen?“ (Tagungsankündigung). Im Folgenden werden die Tagungsbeiträge kurz dargestellt:

Montag der 19.09:

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs

In dem Eröffnungsvortrag »Was ist Erfahrung?« führte Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs (Heidelberg) das Publikum durch den reichen Bedeutungsgehalt eines der beiden für die Tagung namensgebenden Begriffe. In Abgrenzung von wissenschaftlicher Empirie als methodischer Naturerkenntnis charakterisierte Fuchs Erfahrung als das Produkt wiederholter, aber mit Widerstand vollzogener Tätigkeit in leibzentrieten erlebten Situationen, wobei durch ein sich einstellendes intuitives Gespür für den ganzheitlichen Charakter dieser Situationen ein implizites und verkörpertes Wissen oder Können erworben werde. Hierbei betonte Fuchs insbesondere die Funktionen des Leibgedächtnisses, des Ähnlichkeitssinnes und der holistischen Wahrnehmung sowie die Relevanz von erwartungsverletzenden und damit selbstverändernden Wiederfahrnissen. In einem Ausblick bemerkte Fuchs kritisch den Verlust von wesentlichen Elementen genuiner Erfahrung in diversen Bereichen der zeitgenössischen Lebenswelt aufgrund von weitreichenden Entwicklungstendenzen der Virtualisierung, Entkörperung, Entfremdung und Spezialisierung. Während das Publikum auf die im Hauptteil entfaltete Begriffsanalyse nebst einigen Ergänzungen (insb. hinsichtlich der historischen und sozialen Eingebundenheit von Erfahrung) mit allgemeiner Zustimmung reagierte, haben sich einige in Auseinandersetzung mit den abschließenden gesellschaftskritischen Thesen zu einer optimistischeren Zeitdiagnose bewegt gefühlt.

Dienstag der 20.09:

Dr. Andrea Lailach

In ihrem Vortrag “ Der besondere Wert der Erfahrung“ diskutierte Frau Dr. Lailach-Hennrich zwei Ansätze, einen Eigenwert von Erfahrung gegenüber bloßem Wissen von Tatsachen herrauszustellen: Zum einen Laurie Pauls[1] Begriff der „transformativen Erfahrung“, gemäß dem  sogenannte transformative Erfahrungen mit einem qualitativ nicht antizipierbaren Wandel in der „what-its-likeness“  einhergehen. Zum anderen könnte man den Wert erstpersonaler Erfahrung mit Christopher Ranalli[2] auch über den nur durch sie möglichen „acquaintance-artigen“ Kontakt mit der Wirklichkeit verstehen, dem wir ex hypothesi einen epistemischen Eigenwert jenseits bloßem „Wissen, dass…“ zubilligen. Kritisch gegenüber beiden Ansätzen, denen Sie einen im Angesicht von sozialer Kognition und geteilter Sprache unhaltbaren hermeneutischen Fatalismus attribuiert, führte Lailach-Hennrich Davidsons Ansatz der Triangulation ins Feld. Erfahrung ist laut diesem sprachlich vermittelt, und Sprache erwächst aus der Ausrichtung verschiedener Subjekte auf eine geteilte Welt.

Lailach-Hennrichs Vortrag eröffnete bei Zuhörern die Frage, welche psychologische Theorie der Intersubjektivität (Theory Theory, Simulation Theory, Interaction Theory, Direct Perception Theory) dieser philosophischen Kritik gerecht werden kann.

Prof. Dr. Rainer Enskat

In seinem Vortrag ging es Herrn Prof. Dr. Enskat um eine Verhältnisbestimmung von Wahrnehmung, Wahrnehmungsurteil und Erfahrungsurteil am Leitfaden seiner zweibändigen Untersuchung zu selbigem Thema.[3] Nach Kant seien die Daten der Sinneswahrnehmung (kontrafaktisch in Isolation betrachtet) nicht urteilsförmig, und somit nicht wahrheitsfähig. Realiter treten sie jedoch immer schon verknüpft in hypothetischen Warhnehmungsurteilen der Form: „Wenn ich sehe wie die Sonne den Stein bescheint, dann spüre ich, wie er sich erwärmt“, auf, welche lediglich subjektiv-wahrheitsfähig sind. Erst durch eine Verallgemeinerung dieser Urteile gemäß der Kategorie der Kausalität entstünden Erfahrungsurteile der Form: „Weil die Sonne den Stein bescheint, darum muss er wärmer werden“, und ergäbe sich objektive Wahrheitsfähigkeit.

Aus dieser Analyse erwächst ein methodisches Problem für die Psychologie: Wie können sich psychologische Forscher*innen über die unmittelbaren Wahrnehmungsgehalte verständigen, wenn eine solche Verständigung nur im Medium von sprachlich artikulierten Wahrnehmungsurteilen möglich ist?

Steffen Bonhoff

Im Vortrag „Hegels Zusammenspiel von Erfahren und Denken“ verortete Bonhoff den Erfahrungsbegriff als zentral für Hegels Systematik, obwohl Hegel selbigen nicht explizit entwickelt. Für Hegel sei Erfahrung der erste und notwendige Zugang der Philosophie zur Welt.  Indem Erfahrung eine Verbindung von Sinnlichkeit und Denken qua Kategorie erfordert (erinnern wir uns an die kantische Engführung von Erfahrung und Urteil im vorangehenden Vortrag), steht sie der Willkür des Denkens entgegen. Erfahrung sei daher die erste Weise, sich der Wirklichkeit (in Hegels technischem Sinne) begrifflich bewusst zu werden und die Philosophie unterscheide sich von dieser Art des Bewusstwerdens der Wirklichkeit nicht dem Gehalt, sondern nur der (reflexiven) Form nach. Die empirische Wissenschaft wiederum, indem sie Thesen über Allgemeines aufstellt, stehe in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis von der begrifflichen Reflexion der Philosophie auf den Erfahrungsgehalt. Gleichsam liefere die experimentelle Methode der Wissenschaft, indem sie die Natur methodisch geregelt Erfahrbar macht, das Material der begrifflichen Reflexion der Philosophie. Letztere müsse sich daher stets mit dem Stand der Zeit ersterer auseinandersetzen, um ihre Erkenntnisse auf die Stufe des Allgemeinen zu heben.

Im anschließenden Diskurs wurden unter anderem die spezifischeren Zusammenhänge des hegelschen Erfahrungsbegriffs in dessen System geklärt. Der Vortrag kann wohl als Plädoyer für die gegenseitige Abhängigkeit philosophischer und empirischer Forschung verstanden werden.

Prof. Dr. Jörg Volbers

In dem Vortrag »Erfahrung als produktive Unbestimmtheit. Über den pragmatistischen Begriff der Erfahrung« kritisierte Prof. Dr. Jörg Volbers (Berlin) gängige Sichtweisen des Empirismus hinsichtlich der Stellung der Erfahrung im Erkenntnisprozess, indem er sie durch eine pragmatistische Perspektive korrigierte. Handlungen wurden dabei nach Dewey konzeptualisiert als habitualisierte Formen von Interaktionen des Körpers mit der Umwelt in einer Einheit von Tun und Leiden (zwischen den Extremen von Routine und Willkür), wobei spekulative Annahmen über die Zukunft geformt würden. Statt Erfahrung (wie im gängigen Empirismus) als bloße Lieferantin des Materials zu betrachten, über die das Denken distanziert und isoliert reflektiere (»Mythos des Gegebenen«), sei daher das Denken besser selbst als (weil in ihrer Bedeutung kontextabhängige) ganzheitliche Erfahrung verstanden – und damit auch in o. g. spekulativ-interaktiven Sinne als ein aktiver, offener und im Verlauf vielfach unbestimmter (aber nicht etwa irrationaler) Prozess. Die Argumentation führte pointiert zu der These, dass der Erfolg des Denkens – auch in den Naturwissenschaften – abhängig von eben dieser Unbestimmtheit der Erfahrung sei, welche drei zentrale Funktionen erfülle, die im Experiment mustergültig produktiv würden: (i.) erfolgreiche, weil vage Antizipationen hervorzubringen, (ii.) bei Handlungsblockaden auf eine Klärung unserer divergierenden Handlungsimpulse zu drängen, um (iii.) zu einer der Situation möglichst angemessenen Problembestimmung und -lösung zu gelangen.

In der Diskussion wurde in Antwort auf kritische Einwände erläuternd Vagheit von Unbestimmtheit differenziert, insofern das Experiment zwar die Funktion erfülle, systematisch Vagheit zu eliminieren, aber dabei dennoch als Prozess spielerisch und i. d. S. in einem Rahmen von Unbestimmtheit vorgehe. Außerdem wurde die vorgestellte Theorie als deskriptive gegenüber normativen Einwänden verteidigt, die bspw. eine falsifikationistische Theorie des Experiments gegenüber der vorgestellten positiv-spekulativen Hypothesengenerierung motivierten (da die wissenschaftliche Praxis eben nicht unter idealtypischen Bedingungen ablaufe).

Prof. Dr. Dr. Uwe Wolfradt

Prof. Dr. Dr. Uwe Wolfradt entwickelte entgegen der Engführung von Erfahrung und Begriff in kantischen Traditionen wie sie die Vorträge von Bonhoff und Enskat exemplifizieren, mit James den Begriff einer „reinen Erfahrung“ des reinen „das, was erscheint“, diesseits der Spaltung von Subjekt und Objekt. Je nach Kontext könne diese als Subjekt oder Objekt konkretisiert werden. Empirische Erfahrung bedürfe damit nach James keiner transzendentalphilosophischen Begründung. Wolfradt rahmte diese Darstellung von James’ Erfahrungsbegriff mit einer Behandlung von Bergson und Nishida. Er verglich Bergsons Begriff der „Dauer“ mit James’ Konzept des „Bewsusstseinstromes“ und Bergsons Argument von einem evolutionären zu einem epistemischen Primat der reinen Erfahrung deutete er als konvergent mit James’ Zielen. Anschließend besprach er mit Nishida die Fruchtbarkeit des Begriffs der reinen Erfahrung diesseits der Subjekt-Objekt Unterscheidung im Kontext des Zen-Buddhismus.

Offen blieb dabei, wie es Nishida gelingt, seine transzendentalphilosophischen (besonders Fichteanischen) Einflüsse mit dem James’schen Erbe der reinen Erfahrung zu vereinen. Auch bestand bei einigen Anwesenden Zweifel darüber, was „reine Erfahrung“ sein solle und wie man sie erschließen könne.

Dr. Ruben Ellinghaus

In seinem Vortrag „Von der Erfahrung zur Empirie – Zur Psychophysik der Zeit“ griff Dr. Ellinghaus das in der philosophischen Tradition von Augustin über Bergson bis Heidegger vieldiskutierte und schwer fassbare Phänomen der Zeiterfahrung auf, und behandelt es in Anbetracht empirischer Ergebnisse der Psychophysik. Im Besonderen interessiert Ellinghaus das Problem der Dauer. Die Befunde, dass bei der subsequenten Präsentation mehrerer Reize die Dauer des zuerst präsentierten Reizes am genausten geschätzt wird[4] und dass selbiger Effekt sich bei Größendiskriminationen im Allgemeinen beobachten lässt, bring Ellinghaus zu der These, dass die Kognition von Dauer in dieser Hinsicht analog zur Kognition anderer Reizgrößen abläuft.[5] Erklärt wird dieser Effekt von Ellinghaus durch erlernte interne Referenzgrößen für die Beurteilung von Dauer, die sich durch die Präsentation von Reizen bestimmter Dauer im Laufe der Reizsequenz verschieben.[6] Abschließend diskutiert Ellinghaus die Frage, ob sich Dauer insofern von anderen Größen (etwa Intensität) unterscheidet, dass sie als spezifisches Merkmal supermodal kodiert wird. In gewissen Grenzen kann die ontologische Problematik des Zeitphänomens von der empirischen Untersuchung der Zeitkognition also methodisch abgelöst werden, wodurch eine fruchtbare Detaildiskussion über letztere Möglich wird.

Die Anwesenden reagierten sehr interessiert auf die präsentierten Ergebnisse und diskutierten angeregt über mögliche Modifikationen der Experimente, die weiteres Licht auf die Psychologie der Dauer werfen könnten.

Dr. Steffen Kluck

Dr. Steffen Kluck setzte sich in seinem Vortrag: „Pathologien der Wirklichkeit und ihr Erfahrungsgehalt“ mit dem Erkenntnispotential der psychopathologischen Wahrnehmung auseinander. Dabei analysierte er aus phänomenologischer Perspektive exemplarisch die Struktur von „scheiternder“ Wahrnehmung und erarbeitete so ihre Differenz zur „normalen“ Wahrnehmung. Ausgehend von diesen Analysen folgten Überlegungen zur soziokulturellen Konstruiertheit der lebensweltlichen Erlebnis-Bestände. Gerade im Kontext des immer wieder im Tagungsdiskurs auftauchenden Topos der soziokulturell-ökonomischen Konstruktion der Erfahrung und ihrer Herausforderungen für die Praxis der Psychologie kann sein Beitrag als mögliche methodologische Bereicherung für diese verstanden werden.

Im Diskurs ging es unter anderem um die introspektive Zugänglichkeit der die Erfahrung fundierenden Schicht, die von einigen Anwesenden bezweifelt wurde.

Dominik Koesling

Eine Problematisierung des wissenschaftlichen Umgangs mit der Erfahrung aus Perspektive der kritischen Theorie leistete Dominik Koeslings Vortrag „Von der Kritik des Empirismus zu einer phänomenologischen Selbstkritik Kritischer Theorie“. In diesem wurde dargestellt, dass der Begriff der Erfahrung zwar der Forderung der klassischen KT nach zentral, aber ihrer Praxis nach vernachlässigt und unterbestimmt ist. Als möglicher Gesprächspartner für die Einlösung von Adornos Anspruch nach einer Fundierung der KT in der ungeschmälerten, unreglementiertenbzw. unreduzierten Erfahrung wurde die Phänomenologie besprochen. Es zeigte sich also auch von Seiten der kritischen Theorie, dass die Herausforderung der adäquaten Integration der Erfahrung in eine wissenschaftliche Theorie möglicherweise nach einer phänomenologischen Herangehensweise verlangen könnte.

Im Diskurs ging es unter anderem um die Möglichkeit einer solchen phänomenologischen Integration und die Herausforderungen an sie, da auch Husserl schon ähnliche Probleme im Bezug zur lebendigen Erfahrung hatte.

Mittwoch 21.09:

Dr. Daniel Minkin

In dem Vortrag »Rationalität zwischen Lehnstuhl und Labor« stellte Dr. Daniel Minkin einen Ansatz philosophisch motivierter Meinungsforschung vor, der sich Experimentalphilosophie nennt, und in dem er ein negatives und ein positives Programm unterschied. Ersteres überprüfe anhand empirischer Daten über die Verbreitung von philosophischen Meinungen in der Bevölkerung, ob die Verwendung von Intuitionen als Evidenz zur Entscheidung philosophischer Streitfragen (wie z. B. dem Gettier-Problem) überhaupt grundsätzlich gerechtfertigt sei, wohingegen letzteres davon ausgehe, dass diese Frage von Fall zu Fall entschieden werden müsse und daher auf Einzelfallbasis philosophische Intuitionen in der Bevölkerung durch statistische Analyse von Antworthäufigkeiten prüfe. Der Vortragende stellte abschließend ein Argument vor, demnach die evidenzielle Verwendung von Intuitionen für die Philosophie insgesamt unverzichtbar sei.

Gegenstand der Diskussion war der Wert der Experimentalphilosophie, als auch der in ihr zur Anwendung gebrachten statistischen Methoden. Ferner wurde der angesetzte Intuitionsbegriff diskutiert. 

Daniel Niesyt

Daniel Niesytzog in seinem Vortrag eine Kontinuitätslinie erkenntnistheoretischer Problematiken der objektiven Repräsentation subjektiven Erlebens von Ansätzen der frühen Psychologie bis zu modernen Ansätzen der analytischen Philosophie. Dabei zentrierte er seinen Vortrag um die Antworten der dargestellten Positionen auf das Münchhausentrilemma. Das Referat endete mit einem Plädoyer für eine neue phänomenologische Erkenntnistheorie der Introspektion.

Zur Diskussion stand die Reichweite und der dargestellten Introspektionstheorien und die Möglichkeit, hermeneutische Zugänge zur Introspektionsforschung zu finden. Einstimmig war die Skepsis gegenüber mikrophänomenologischen Beschreibungen.

Fynn Ole Wöstenfeld

Fynn Ole Wöstenfelds Vortrag widmete sich dem Topos der Erkenntnisformen von Erklären und Verstehen in seiner Jasperschen Spielart. In Wöstenfelds Darstellung von Verstehen und Erklären bei Jaspers stößt das Verstehen bei außerbewussten und biologisch-somatischen Tatsachen an seine Grenzen, beide fallen in den Bereich des Erklärens. Das Erklären setze jedoch das Verstehen voraus. Die Unterscheidung könne psychopathologisch nützlich sein, aber auch in einen ontologischen Dualismus führen. Im zweiten Teil untersuchte Wöstenfeld die Bedeutung der Unterscheidung für unterschiedliche psychologische und psychopathologische Forschungsprogramme (Experimentelle Psychopathologie, neuronale Korrelate, neuronale Netzwerke, phänomenologische Psychopathologie, psychoanalytische Hermeneutik). Wöstenfeld schloss mit einem Plädoyer für kritisches Methodenbewusstein und der Anzeige des Desiderates weiterer systematischer Untersuchung zur potentiellen Integration von Erklären und Verstehen.

In der Diskussion wurde die hohe Integrationskraft eines metapsychologischen Diskurses über zentrale Kategorien psychologischen Forschens deutlich.

Prof. Dr. Jörg Disse

In dem Vortrag »Gibt es eine Zweite-Person-Perspektive als eigenständigen epistemischen Zugang zur Fremdpsyche?« argumentierte Prof. Dr. Jörg Disse für eine Verneinung der titelgebenden Frage. Er vertrat dabei die These, dass derartige neu postulierte Zugänge vollständig durch die bereits anerkannten beschrieben werden könnten, also durch die Erste-Person-Perspektive (ich-exklusiv durch den inneren Sinn) und die Dritte-Person-Perspektive (öffentlich zugänglich durch die äußeren Sinne). Insbesondere kritisierte er die Konzeptionen einer Zweite-Person-Perspektive bei Michael Pauen und bei Thomas Fuchs, wobei er in beiden Fällen nicht das zu beschreibende epistemische Phänomen leugnete, sondern nur dessen Betitelung als »Zweite-Person-Perspektive« infrage stellte, weil für die Frage der Perspektivität der Erkenntniszugang und nicht etwa die Relation zum Gegenstand wesentlich sei. Die dem Subjekt zur Verfügung stehenden Erkenntniszugänge seien jedoch bereits phänomenologisch plausibel vollständig abgedeckt durch die Kategorien der Erste- und Dritte-Person-Perspektive.

Die anschließende Diskussion war ausgesprochen kontrovers, dadurch aber auch sehr produktiv; sie führte zu Fragen über die begrifflichen und metaphysischen, subjekt- und naturphilosophischen Grundlagen und Voraussetzungen einer Epistemologie des Psychischen.

Hannes Wendler

Hannes Wendlers Vortrag „Was ist Einfühlung?“ vereinte eine historische sowie systematische Darstellung des Problems der Fremderfahrung. Dabei zeichnete er die Geschichte dieses sowohl in der Philosophie als auch in der Psychologie äußerst brisanten Problems ausgehend von Vischers Einfühlungsbegriff über Lipps hin zu Edith Stein nach, wobei er die Bedeutung eben dieses historischen Diskurses für die heutige Forschung immer wieder herausstellte, indem er beide ins Gespräch brachte. Die entwickelte Problemgeschichte verhandelte selbst die Hauptthemen der Tagung mit: So entscheidet sich das Problem der Fremderfahrung gerade am Begriff der Erfahrung und der ihm korrespondierenden Methodologien der Psychologie und Philosophie und also impliziert auch Wendlers Resümee, welches den vielversprechendsten Lösungsansatz für das Problem der Fremderfahrung in der Phänomenologie Edith Steins vermutet, grundlegende methodologische und begriffliche Veränderungen des heutigen Diskurses.

Das Publikum zeigte sich durch den Beitrag historisch bereichert und sprach unter anderem über die Implikationen des Einfühlungsproblems für die Praxis der empirischen Psychologie.

Prof. Dr. Gerhard Benetka

Prof. Dr. Gerhard Benetka entwarf im Ausgang von Introspektionsstudien der Würzburger Schule und der Psychoanalyse Sigmund Freuds eine dialogische Methode der Introspektionsforschung. Er unterstrich die Relativität individueller Introspektionsberichte und betonte die Einflüsse gesellschaftlicher Machtverhältnisse auf die für die Beschreibung verwendete Sprache. In der Diskussion wurde eine Unterscheidung zwischen Intersubjektivität und sozialer Realität vorgeschlagen sowie gemeinsam die methodologischen Konsequenzen des vom Referenten vorgestellten Ansatzes bedacht. Der Referent sprach sich gegen phänomenologische Intersubjektivitätstheorien als Abstraktionen aus, war aber gegenüber der Psychogrammanfertigung für introspektiv Forschende offen.

Der Diskurs drehte sich unter anderem um die Rechtfertigung der Ablehnung phänomenologischer Ansätze, da diese von anderen Anwesenden für unzureichend begründet gehalten wurde.

PD Dr. Lars Allolio-Näcke 

Dr. Lars Allolio-Näcke fand vermittels der foucaultschen Diskursanalyse Zugang zur Kulturpsychologie. Am Beispiel der Berichterstattung des Berliner Tagesspiegels über alleinerziehende Mütter und eines Interviews mit einer alleinerziehenden ostdeutschen Mutter demonstrierte er, wie diskursive Stränge die vermeintlich eigenständige „persönliche Erfahrung“ formen.

Die Diskussion bewegte sich im Spannungsfeld von anthropologischen Konstanten und kultureller Relativität. Gerade die Frage, wie unhintergehbar die Diskursabhängigkeit sei, besaß gerade im Kontext der anderen Vorträge eine besondere Brisanz.

Donnerstag 22.09:

Prof. Dr. Margret Kaiser-El-Safti

Prof. Dr. Margret Kaiser-El-Safti diskutierte mereologische und relationale Strukturgesetze der Akustik im Rückgriff auf Carl Stumpf und dessen Rezeption durch Roman Jakobson in einer Arbeit über Kindersprache. Im Rahmen dessen zeigt sie in der Lautwahrnehmung eine Fundamentalschicht der Bewusstseinsentwicklung auf. Zur Diskussion standen die allgemeine Theorie des Subjekts bei Jakobson sowie der Status gehörloser Kinder in der vorgestellten Theorie der Bewusstseinsentwicklung. Ebenfalls wurde der Vorzug des Hörens gegenüber anderen Sinnen debattiert.

Im Diskurs kam man nebst Reflexionen auf die Wirkgeschichte Stumpfs auf die Abhängigkeit von philosophischen Systemen von den Sinnespräferenzen ihrer Denker zu sprechen.

Dr. Fabian Hutmacher

In Dr. Fabian Hutmachers Vortrag „Vom Ertasten eines Elefanten in einem dunklen Raum: Literaturwissenschaftliche, psychologische und philosophische Perspektiven auf dementielle Erkrankungen“ ging es schwerpunktmäßig um die Angehörigenperspektive. Hutmacher präsentierte eigene Forschungsarbeiten, die die Wirkungen kreativer Aktivitäten auf u.a. die Emotion und Kognition von Angehörigen untersuchen. Partizipativ ist diese Forschung, da Hutmacher und Kolleg*innen eine Ausstellung zu den unterschiedlichen kreativen Aktivitäten planen. Selbige hat das Ziel sowohl die Angehörigen zu vernetzen, als auch das Wissen über Demenz in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Hutmacher untersuchte ebenfalls Versuche von Angehörigen den Innenzustand einer an Demenz erkrankten Person literarisch darzustellen. Solche würden Assoziationsräume für das Nachdenken über Demenz und Sprache, Identität und Personsein schaffen. Ferner wurde deutlich, dass Demenz als Erkrankung interaktionelle Systeme betrifft.

Die Diskussion würdigte Hutmachers Ansatz die Angehörigenperspektive miteinzubeziehen, vor dem Hintergrund der Debatte um das Fremdverstehen bei Personen mit dementieller Erkrankung. Die Thematik wurde als prädestiniert für den philosophisch-psychologischen Dialog verstanden.

Prof. Dr. Ralph Sichler

Prof. Dr. Ralph Sichlers Vortrag „Literatur und psychologische Erfahrungsbildung. Ein Versuch über das psychologische Erkenntnis-potential sogenannter fiktionaler Welten“ setzte sich theoretisch und exemplarisch mit der Bedeutung fiktionaler „Daten“ für die Psychologie und ihrer Methode auseinander. Dabei entwarf er im Dialog mit der Hermeneutik, Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und Frischs „Biographie: Ein Spiel“ eine Psychologie der Möglichkeit, in der die Bedeutung des „Möglichkeitssinns“ nicht weiter hinter der des „Wirklichkeitssinns“ zurücksteht. Die im Vortrag aufgezeigten Topoi schlossen eng an den Diskurs des Wesens der Erfahrung und an den Diskurs des Status der modernen Psychologie als positivistischer Wissenschaft an: Gibt es eine Erfahrung des Möglichen und in welcher Beziehung steht diese ggfs. zu der des Wirklichen? Kann eine geisteswissenschaftliche Psychologie mehr erreichen als eine rein empiristische Psychologie?

Im anschließenden Diskurs wurde unter anderem der Status des Möglichkeitssinns in Abgrenzung zu anderen Sinnen bzw. anderen Modalitätskonzeptionen besprochen.

Dr. Alexander Nicolai Wendt

Dr. Alexander Nicolai Wendts Vortrag „Ausdruck, Erlebnis, Wert – über die psychologische Bedeutung des Romans“ widmete sich der psychologischen Bedeutung des Romans, für die es einer inneren Bestimmung der Eigenheit des Romans bedürfe. Mit Georg Lukàcs Worten versteht Wendt den Roman als eine „Form des Abenteuers, des Eigenwertes der Innerlichkeit“. Der Inhalt des Romans sei „die Geschichte der Seele“, die durch das Bestreiten von Abenteuern sich und ihre Wesenheiten finde. Der Roman ziele auf die Existenz als Feld menschlicher Möglichkeiten ab, die uns durch Einbildungskraft zugänglich würde. Der Ansatz bei strukturpsychologischen Merkmalen des Romans, wie Narrativität oder Werterfahrung könne Ausgangspunkt für die Suche nach gegenstandsgerechter Methodologie für die Psychologie des Romans werden. Diese methodologische Vorgehensweise – der Übergang von der äußerlichen Identifikation der lebensweltlichen Strukturen, zu ihrer innerlichen Bestimmung – ermögliche der phänomenologischen Psychologie den Gegenstandsbereich der Psychologie zu erschließen und bestehende Methoden zu validieren, sowie neue zu entwickeln.

Die anschließende Diskussion verhandelte u.a. das Potential der phänomenologischen Psychologie, methodologische Rigidität und Gegenstandsgerechtigkeit zu vereinen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke

Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funkes Abschlussvortrag „Was ist Empirie? Theoretische Psychologie trifft empirische Psychologie“ fokussierte die Integration von theoretischer und empirischer Psychologie. Empirie und Theorie ermöglichten „sehendes“ Datensammeln, im Kontrast zum „blinden“ Datensammeln des Empirismus. Theoretische Psychologie ermögliche den von Reichenbach als Gegenstand der Wissenschaftstheorie abgelehnten „Context of discovery“ zu thematisieren. Die Notwendigkeit theoretischer Psychologie ergebe sich weiterhin dadurch, dass moderne KI-basiert statistische Analyseverfahren zunehmend Verwendung fänden, deren ‚Entscheidungen‘ ohne theoretische Psychologie uneinsichtig bleiben.  Die theoretische Psychologie untersuche etwa die Rolle von Menschenbildern in der empirischen Forschung. Gegenüber der Geschichtslosigkeit von Maschinenmodellen stehe die Historizität des Menschen als seine Conditio. Bevor Funke Gütekriterien für Theorien nannte stellte er unterschiedliche Gründe für die Relevanz von Theorien vor, etwa dass sie empirische Daten erst interpretierbar machen, Vorhersagen ermöglichen und die Basis für Falsifikationen schaffen.

In der Diskussion wurde die Relevanz theoretischer Psychologie deutlich, etwa für das Problem der Validität oder der Replikationskrise.

Abschließende Bemerkungen

Wie sich bei der Darstellung der Tagungsbeiträge gezeigt hat, wurden im Verlauf der Tagung einige Kernthemen kontinuierlich diskutiert:

1. Die Frage, ob Methodologie der Fülle der Erfahrung gerecht werden solle

2. Die Bedeutung der sozialen Konstituiertheit von Erfahrung für die experimentelle Psychologie

3. Das Verhältnisses von Theorie und Empirie

4. Die Frage nach Sinn, Unsinn, Möglichkeiten und Grenzen der Implementation philosophischer Reflexion in die empirisch-psychologische Forschung

Die Tagung führte zu keinem Konsens aller Teilnehmenden bezüglich der angesprochenen Topoi, jedoch zeigten sich Potentiale eines philosophisch-psychologischen Diskurses. Im Zuge der Tagung entstand zudem die Initiierung eines philosophisch-psychologischen und empirischen Forschungsprojektes. Abschließend ist zu resümieren, dass die Tagung der AG eindrücklich demonstriert hat, dass die AG ein Ort für plurale, kreative Forschung ist und allseits ein reges Interesse für noch engere Zusammenarbeit besteht!


[1]Paul, Laurie. Transformative Experience. Oxford University Press : Oxford. 2014.

[2]Ranalli, C. „The Special Value of Experience“ in: U. Kriegel (Hrsg.) Oxford Studies of Philosophy of Mind. 2021.

[3]Enskat, R. Urteil und Erfahrung. Kants Theorie der Erfahrung. Erster und Zweiter Teil. Vandenhoeck & Ruprecht : Göttingen. 2015 & 2020.

[4]Dyjas O, Bausenhart KM, Ulrich R. „Trial-by-trial updating of an internal reference in discrimination tasks: evidence from effects of stimulus order and trial sequence.“ in: Atten Percept Psychophys. 2012.

[5]Ellinghaus, R., Ulrich, R., & Bausenhart, K. M. (2018). „Effects of stimulus order on comparative judgments across stimulus attributes and sensory modalities.“ Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 44(1), 7-12.

[6]Ellinghaus, R., Giel, S., Ulrich, R., Bausenhart, K.M. (2021). Humans integrate duration information within and across modalities: Evidence for an amodal internal reference of time. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 47(8), 1205-1225

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